Wer an Dresden denkt, denkt vielleicht an den Zwinger, die Semperoper und die Silhouette der Altstadt. Wer München vor Augen hat, denkt an die Residenz, die Maximilianstraße oder das Oktoberfest.

Auf den ersten Blick haben Sachsens Landeshauptstadt und die bayerische Metropole wenig gemeinsam. Und doch gibt es eine Verbindung, die bis heute spürbar ist: In Dresden wie in München wurde über Jahrhunderte kultiviert, was man früher schlicht als die schönen Dinge des Lebens bezeichnete. Gutes Handwerk, feine Tischkultur und die Kunst des Genusses.

Vielleicht erklärt genau das, warum die Geschichte der Conditorei Kreutzkamm so selbstverständlich zwischen beiden Städten verläuft.

Gegründet wurde das Familienunternehmen 1825 in Dresden. Später erhielt Kreutzkamm den Titel des Königlich Sächsischen Hofkonditors und wurde zu einer festen Größe der Dresdner Kaffeehauskultur. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Familie in München noch einmal neu. Als sich nach der Wiedervereinigung die Möglichkeit bot, kehrte Kreutzkamm an seinen Ursprungsort zurück – ohne die inzwischen gewachsene Heimat in Bayern aufzugeben. Heute existiert das Unternehmen in beiden Städten.

„Natürlich gibt es Unterschiede, beide Städte haben ja ihre ganz eigene Geschichte und Kultur“, sagt Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller, die das Familienunternehmen heute führt.
Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller führt die Conditorei Kreutzkamm heute zwischen zwei Städten, zwei Traditionen und fast 200 Jahren Familiengeschichte. © Conditorei Kreutzkamm

In Dresden sei die Kaffeehaus- und Konditoreikultur besonders tief verwurzelt. Dort spüre man auch eine starke Verbundenheit vieler Gäste mit der Geschichte des Hauses und seiner Tradition als Hoflieferant. München dagegen sei längst mehr als ein zweiter Standort geworden.

„Wir sind dort seit mittlerweile mehr als 75 Jahren zu Hause und haben ebenfalls eine sehr treue Stammkundschaft, teilweise über Generationen hinweg.

Und sie beobachtet etwas, das beide Städte miteinander verbindet:

„Vielleicht liegt es daran, dass beide Städte von Höfen geprägt waren, in beiden Städten Schönes und Gutes geschätzt und auch gepflegt wird.“

Diese Wertschätzung zeigt sich bis heute im Alltag – etwa in den kleinen Genussritualen, die in beiden Städten gepflegt werden:

„In Dresden wie in München gibt es eine Liebe zu Genuss und für diese kleinen Rituale, wie ein Stück Kuchen im Café oder eine Baumkuchenspitze als kleinen Genussmoment zwischendurch.“

Ein Titel verpflichtet

Die königlich-sächsischen Wurzeln gehören bis heute zur Identität des Hauses. Doch Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller betrachtet die Auszeichnung ihrer Vorfahren nicht als museales Erbstück.

„Das ist natürlich ein großes Stück unserer Geschichte und etwas, auf das wir auch mit einem gewissen Stolz zurückblicken, was unsere Vorfahren geleistet haben.“

Entscheidend sei jedoch nicht die Vergangenheit, sondern die Verantwortung, die daraus erwachse. Denn hohe Ansprüche seien nicht historisch, sondern höchst gegenwärtig. Qualität müsse jeden Tag neu bewiesen werden. Insbesondere in einem Handwerk, dessen Produkte nicht für die Vitrine, sondern für den unmittelbaren Genuss bestimmt sind.

„Wir erfüllen Wünsche. Wir bereiten Genussmomente. Und wir stehen zu unseren Werten und unserem Versprechen, nur die beste Qualität zu bieten. Seit 1825 ununterbrochen.“

Zwischen Baumkuchen und Weißwurst-Krapfen

Wer nun vermutet, ein fast 200 Jahre altes Familienunternehmen bewege sich ausschließlich in den vertrauten Bahnen der Tradition, wird überrascht sein. Anfang dieses Jahres sorgte Kreutzkamm mit einem Produkt für Schlagzeilen, das wohl kaum ein königlich-sächsischer Hofkonditor des 19. Jahrhunderts vorausgesehen hätte: dem Weißwurst-Krapfen. Gemeinsam mit dem Augustiner Stammhaus entstand daraus eine augenzwinkernde Faschingsaktion für München, begrenzt auf einen einzigen Verkaufstag.

„Dass diese kleine Aktion dann solche medialen Wellen geschlagen hat, das hatte keiner von uns erwartet“, sagt Kreutzkamm-Aumüller. Die Reaktionen reichten von Begeisterung bis zu ungläubigem Kopfschütteln und genau das machte für sie einen Teil des Reizes aus.

„Mir hat das sehr große Freude gemacht, egal ob es Fans waren oder Menschen, die die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben.“

Der Weißwurst-Krapfen war dabei weit mehr als eine gelungene Faschingsidee. Er steht für eine Haltung, die das Unternehmen bis heute prägt.

„Mir ist eines wichtig: Wir nehmen unser Handwerk und unsere Qualität sehr ernst, uns selbst dabei aber nicht immer.“

Vielleicht ist genau das das Geheimnis: Das Haus nimmt seine Rezepte sehr ernst, seine Geschichte ebenso – aber beides nicht so ernst, dass kein Platz mehr für neue Ideen bliebe.

Die nächste Generation

Dass sich Tradition und Veränderung nicht ausschließen, zeigt sich auch innerhalb der Familie. Mit Katharina Kreutzkamm-Aumüller arbeitet inzwischen die sechste Generation im Unternehmen. Sie verantwortet Vertrieb und Marketing und bringt Erfahrungen mit, die sie außerhalb des Familienunternehmens gesammelt hat.

Die nächste Generation ist an Bord: Katharina Kreutzkamm-Aumüller verantwortet heute Vertrieb und Marketing des Familienunternehmens. © Conditorei Kreutzkamm

Manchmal, erzählt Elisabeth Kreutzkamm-Aumüller, sei es inzwischen sogar ihre Tochter, die darauf achte, dass neue Ideen zur Geschichte und zum Charakter des Hauses passen.

„Sie ist diejenige, die mich korrigiert und sagt, dass meine Ideen nicht zu unserem Haus passen.“

Ein Satz, der sie gleichermaßen als Mutter und als Unternehmerin freut:

„Als Mutter erfüllt mich das mit der größten Freude, als Geschäftsführerin beruhigt mich das sehr.“

Vielleicht erzählt genau diese kleine Anekdote mehr über Kreutzkamm als jede Unternehmenschronik. Die nächste Generation bringt neue Perspektiven mit, ohne den Blick für das zu verlieren, was das Haus seit fast 200 Jahren ausmacht. Familienunternehmen leben schließlich nicht davon, dass jede Generation alles neu macht, sondern davon, dass jede Generation versteht, was bewahrt werden sollte und gleichzeitig den Mut hat, eigene Akzente zu setzen.

Zwischen Dresden und München liegen fast 500 Kilometer. Zwischen einem königlich-sächsischen Hofkonditor des 19. Jahrhunderts und einem Familienunternehmen des 21. Jahrhunderts sogar zwei Jahrhunderte.

Und doch verbindet all diese Kapitel eine Idee, die zeitlos geblieben ist: dass Genuss kein Luxus sein muss, sondern ein Ritual. Ein Stück Kuchen am Nachmittag. Eine Baumkuchenspitze zwischendurch. Oder, wenn die Faschingszeit es verlangt, sogar ein Weißwurst-Krapfen.